In mehr als 8.000 deutschen Apotheken steht ein Präparat namens „Mach mal halblang, Tante Rosa“ im Regal. Daneben oft „In der Regel wird’s nicht krampfig“ und „Leber gut, alles gut“. Wer die Namen zum ersten Mal liest, muss meist kurz schmunzeln. Genau dafür wurden sie gemacht, denn sie übersetzen ein Tabuthema in Alltagssprache.
Hinter den Produkten steht die Berliner Marke Hormonella, die 2020 von Felicitas Dammertz gegründet wurde, nachdem die Gründerin selbst Zyklusbeschwerden hatte und über Jahre hinweg nicht ernst genommen wurde.
Beschwerden, die angeblich einfach dazugehören
„Ich hatte seit meiner ersten Periode starke Beschwerden und kannte lange eigentlich nur zwei Optionen: Schmerzmittel oder die Pille“, erzählt Dammertz. Die Reaktionen auf ihre Beschwerden klangen über die Jahre hinweg erstaunlich gleich: Das sei eben so und da müsse man durch.
Ernst wurde es, als sie anfing, Ballett und zeitgenössischen Tanz zu studieren. Der Leistungssport machte ihren Körper zum Arbeitsinstrument. Regelmäßig von starken Zyklusbeschwerden ausgebremst zu werden, konnte sie sich in diesem Umfeld schlicht nicht leisten.
Ab diesem Punkt wollte sie sich mit dem Satz, solche Beschwerden gehörten eben dazu, nicht mehr zufriedengeben.
Bei ihrer Suche nach Alternativen stieß sie auf einen Markt, der ihr wenig Vertrauen einflößte. „Bei dem, was ich fand, war für mich oft nicht nachvollziehbar, wer dahinter stand und auf welcher wissenschaftlichen Grundlage die Produkte entwickelt wurden. Geschweige denn, was genau drin steckte oder wo sie hergestellt wurden“, sagt sie.
Eine Lücke, die eigentlich keine sein dürfte
Mit ihren Beschwerden war Dammertz kein Einzelfall. Eine internationale Metaanalyse über 70 Länder ermittelte eine zusammengefasste Häufigkeit von Regelschmerzen von rund 71 Prozent unter den untersuchten Teilnehmerinnen. Wie häufig und wie stark die Beschwerden auftreten, unterscheidet sich allerdings zwischen den untersuchten Gruppen.
Auch die Forschungsgeschichte zeigt, dass Frauen nicht immer angemessen berücksichtigt wurden. Eine FDA-Leitlinie von 1977 sah vor, Frauen, die schwanger werden konnten, grundsätzlich von Phase-I- und frühen Phase-II-Arzneimittelstudien auszuschließen.
1993 hob die Behörde diese Einschränkung auf. Im selben Jahr verankerte der NIH Revitalization Act die Einbeziehung von Frauen in die vom NIH durchgeführte oder unterstützte klinische Forschung gesetzlich.
„Frauengesundheit war lange ein blinder Fleck in der Forschung, der Medizin und der Unternehmenslandschaft“, sagt Dammertz. Die Lücke, in die sie hineingründete, war also weniger eine clevere Entdeckung als ein Missstand, bei dem es Millionen Betroffene gibt und kaum Angebote, die sie ernst nehmen.
Wenn die eigene Erfahrung zur Arbeitsmethode wird
Bei Hormonella lässt sich verfolgen, wie aus dem Gründungsmotiv eine Arbeitsweise wurde. Das beginnt bei der Produktentwicklung. Weil Dammertz selbst jahrelang nicht nachvollziehen konnte, wer hinter Präparaten steht und auf welcher Grundlage sie entwickelt werden, setzte sie von Beginn an auf fachliche Begleitung. Schon bei den ersten Rezepturen arbeiteten eine Pharmazeutin sowie eine Heilpraktikerin und Diplom-Psychologin mit. Inzwischen gehören Expertinnen aus der Pharmazie und der Phytotherapie sowie Ärztinnen fest zum Team.
Dieselbe Logik prägt auch die Qualitätskontrolle bei Hormonella. Nach Unternehmensangaben prüft ein unabhängiges deutsches Labor jede Charge über die gesetzlichen Anforderungen hinaus. Das Pestizid-Screening umfasst mehr als 800 Substanzen, hinzu kommen Untersuchungen auf Schwermetalle und mikrobiologische Belastungen. Die Rezepturen kommen ohne Füllstoffe aus, Rohstoffe und Extrakte werden exklusiv für Hormonella hergestellt und stammen möglichst aus Europa.
Hormonellas missionsorientierter Arbeitsansatz prägt auch, wie die Marke mit ihren Kundinnen kommuniziert. Aufklärung über Frauen- und Hormongesundheit gehört bei Hormonella erklärtermaßen genauso zum Auftrag wie der Verkauf. Die Marke beschreibt sich selbst als „von Frauen für Frauen“, und der Ton bleibt bewusst warm und alltagsnah, bis hin zu den Produktnamen, über die man an der Apothekenkasse schmunzeln darf.
Gründen in Berlin, mitten in der Pandemie
Hormonellas Gründung fiel in das Jahr 2020, also direkt während der Pandemie, was nicht der einfachste Startpunkt für ein neues Unternehmen in der Gesundheitsbranche war.
Dammertz teilt sich die Unternehmensführung mit Delphine Solignac, die Hormonellas erste Kundin war, bevor sie als Mitgründerin und COO einstieg und die operativen Abläufe übernahm.

Bei Dammertz selbst laufen alle Fäden zusammen, die das Produkt und seine Sprache betreffen. Sie entwickelt neue Präparate von der ersten Idee bis zur fertigen Rezeptur, in enger Abstimmung mit dem Expertinnenteam. Sie verantwortet die Texte der Marke, von den verspielten Produktnamen bis hin zu den Aufklärungsinhalten rund um Zyklus und Hormone. Und sie entscheidet, wie Hormonella klingt: warm, alltagsnah und bewusst ohne das übliche Branchenvokabular.
Auf Solignacs Seite liegt das, was Kundinnen selten sehen und dennoch bei jeder Bestellung spüren: Sie leitet das Sourcing der Rohstoffe, die Zusammenarbeit mit den Herstellern in Deutschland und Frankreich, die Freigabe jeder Charge anhand der Laborergebnisse und die Logistik. Das meiste davon behält das Unternehmen bewusst im eigenen Haus, vom Lager bis zum Versand. Nach Unternehmensangaben lehnt Hormonella Chargen auch dann ab, wenn die gemessenen Rückstände innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte liegen.
Auch die digitale Seite des Geschäfts gehört zu ihrem Bereich. Der kostenlose digitale Hormoncheck, ein Fragebogen, der laufend weiterentwickelt und zuletzt um einen Bereich zu den Wechseljahren erweitert wurde, entstand intern. Dasselbe gilt für das Onboarding neuer Kundinnen über WhatsApp, das nach dem Kauf durch Erinnerungen an die tägliche Routine und kurze Einheiten zu Ernährungswissen begleitet wird.
Beide Gründerinnen kennen starke Zyklusbeschwerden aus erster Hand. Somit sitzt die Perspektive der Betroffenen auf beiden Seiten der Arbeitsteilung.
Vom eigenen Onlineshop aus wuchs der Vertrieb in einen Kanal, der als der konservativste der deutschen Gesundheitsbranche gilt: die Apotheke.
Der Ausgangspunkt bleibt
Bis heute liest Dammertz selbst mit, was Kundinnen dem Unternehmen schreiben. Viele der Fragen kennt sie gut. Es sind dieselben, die sie sich vor der Gründung selbst gestellt hat: Wer steckt hinter diesem Produkt? Was ist da eigentlich drin? Und warum hat mir das vorher niemand erklärt?
Dass die Gründerin diese Fragen einmal selbst hatte, ist der eigentliche Kern der Marke. Die Beschwerden waren der Ausgangspunkt. Was daraus wurde, steht heute in über 8.000 Apotheken.
